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Denken Und Leben


ISSUE:  Summer 1941

Vor mir liegt, auf sammtenem Grunde, ein zierliches Schmuckstuck,—eine Reise-Trophae, ein ehrenvol-ler Besitz. Es ist eine kleine, goldene, mit Ringen versehene Plakette, deren eine Seite, zwischen dreieckig ge-stellten Sternen nnd einer weisenden Hand, die griechischen Buchstaben &BK zeigt. Die andere tragt den Namen des Inhabers, die Jahreszahl 1941 und auch die Zahl des Jahres, in dem der ganz Amerika umfassende wissenschaftliche Or-den gegriindet wurde, dessen Abzeichen dies kleine Gehange ist: schon 165 Jahre besteht er, und diesen Marz, in Berkeley, wurde ich in sein Kapitel aufgenommen.

Ich weiss die liebenswiirdige Geste zu schatzen—wie sollte ich nicht? Die Fahigkeit, das Leben, und was es mit sich bringt, zu schatzen, ist die Haupt- und Grundfahigkeit des Dichters; denn ein Dichter sein, heisst nicht, sich etwas ausdenken, es heisst, sich aus den Dingen etwas machen. Und wiederum: sich etwas machen aus den Dingen, heisst, sich etwas bei ihnen denken. Denken aber und Danken sind verwandte Worter; das Denken hat viel mit Danken zu tun. Wir danken dem Leben, indem wir es bedenken. “Viel zu denken, viel zu sinnen gibt’s beim zarten Lebensfaden,” sagt die Parze im “Faust,”—dem Werk eines Dichters, der es nicht anders wusste, als dass der Gedanke ein Dankesge-schenk des Geistes ist an das Leben, und dass erst im Geiste das Leben wahrhaft lebt.

Meiner Dankbarkeit scheint es, als Hesse sich an das goldene kleine Symbolum auf meinem Tisch mancher Gedan-kenfaden knupfen. Phi Beta Kappa, das heisst “Philosophia bioy kybernetes,”—”Philosophic, die Fiihrerin des Lebens.” Eine scheme, bedeutsame Formel und ungeheuer zeitgemiiss, wie mir scheint, obgleich ein versunkenes Jahrhundert sie hinterliess. Zeitgemass aber scheint sie mir, weil sie die Ver-bindung herstellt von Philosophic und Leben, weil sie die Verantwortlichkeit betont der Philosophic fur das Leben als seine Fiilirerin und Meisterin. Ich mochte sie eine demo-kratische Formel nennen; denn jener hohe Pragmatismus, der den Geist, das Denken in ein Verhaltnis der Verantwortlichkeit setzt zum Leben der Menschen, der Verantwortlichkeit fur die Konsequenzen des Denkens fur Leben und Wirklichkeit, ist etwas wesentlich Demokratisches. Der tiefste Grund fur die Schwache der Demokratie in Deutsch-land und fur den gegenwartigen heillosen Zustand des Landes liegt nicht im Politischen, er liegt im Psychologischen und Geistigen: in dem vielleicht fundamentalen und wesent-lichen Mangel an jenem Pragmatismus, der nichts weiter als Lebensfreundlichkeit, nichts weiter als Verantwortungsge-fiihl des Geistes ist fiir das Leben und fur die Ergebnisse des Gedankens im Wirklichen, im gesellschaf tlichen und politischen Leben der Menschen.

Ich las vor kurzem den Aufsatz eines Englanders, Be-trachtungen iiber Kultur und Freiheit, die eine Kritik an Natur und Schicksal des deutschen Geistes nicht vermeiden. Es ist eine Kritik, deren anstandige Pietat die Genauigkeit nur erschutternder macht, mit der sie den wunden Punkt beriihrt, den ich meine. “I feel,” sagt der Verfasser, “for German culture a sympathy which is deep and genuine. But at the same time this feeling of sympathy has always been accompanied by a feeling of despair. It is as though every road taken by German poets and philosophers led to the edge of an abyss—an abyss from which they could not withdraw, but must fall into headlong,—an abyss of intellect no longer controlled by any awareness of the sensuous realities of life.”

Das ist vorzuglich; und es ist unnotig, diesem Kritiker zu sagen, dass die “Verzweiflung,” der Schmerz, die der fremde Bewunderer deutscher Kultur zugleich bei ihrem Anblick empfindet, uns Angehorigen dieser Kultur, die wir in ihrer t^berlieferung stehen, nur zu vertraut sind. Jedes Volk, so wohlig, selbstverstandlich und selbstgefallig es gemeinhin seine Eigenschaf ten hinnehmen. und ausleben moge leidet in seinen geistigen Exponenten an sich selbst; aber unter den Deutschen ist dieses Leiden am tiefsten und riickhalt-losesten, und der britische Schriftsteller, den ich citierte, lasst es nicht an Beispielen fehlen fur die “Orgien nationaler Selbstkasteiung,” in der grosse Reprasentanten des deutschen Geistes sich, zum Schaplen ihrer Popularitat natiirlich, ergangen haben. Der “verzweifeltsten” einer ist Nietzsche —und er hatte Grund dazu; denn wo wiirde das Verhangnis, das iiber den Wegen des deutschen Geistes waltet, die Ten-denz zum intellektuellen Abgrund, an dessen Rande alles Verantwortungsgefiihl des Gedankens fiir seine Folgen im Menschlich-Wirklichen erlischt, deutlicher, als bei ihm?

Nietzsche, der Urheber der faszinierendsten und farben-vollsten philosophischen oder lyrisch-kritischen Produktion unseres Zeitalters, war personlich eine zarte, komplizierte, tief leidensfahige Kunstlernatur, fremd aller Brutalitat und primitiven Gesundheit, eine christliche Natur, wenn nicht in der religiosen, so doch in der konstitutionellen Bedeutung des Wortes. Aber in heroischem Widerspruch zu sich selbst bildete er eine rauschvoll anti-humane Lehre aus, deren Lieblingsbegriffe Macht, Instinkt, Dynamismus, Ubermen-schentum, naive Grausamkeit, die “blonde Bestie,” die amoralisch triumphierende Lebenskraft waren. Zuweilen, privat, in seinen Briefen, kam ein ganz anderer Nietzsche zum Vorschein, als der seiner Bucher. Als Kaiser Friedrich III., der englandfreundliche Liberale, am Krebs gestorben war, schrieb der Verherrlicher Cesare Borgias aus Italien an einen Freund, dieser Tod sei ein grosses, entscheidendes Ungluck fiir Deutschland; die letzte Hoffnmg auf deutsche Freiheit gehe damit zu Grabe.—Das ist der einfache, natiir-liche und unverstiegene Ausspruch eines geistigen Menschen, der als solcher die Freiheit liebt und auf sie angewieden ist. Es ist die unwillkurliche und im Vergleich mit den hektischen Wagnissen seiner Philosophic sogar banale Ausserung von Nietzsches Verhaltnis zur Wirklichkeit des Lebens. Seine Lehre aber war ein trunken-romantisches Poem, bei dessen Schopf ung er nie einer ttberlegung dariiber Raum gegeben hat, wie seine Gedanken sich in politischer Verwirklichung ausnehmen wttrden, und zu dem Untergange jener “deutschen Freiheit,” von der er in seinem Briefe spricht, hat sein tragisch-grosses Werk unheilvoll beigetragen.

“So war es nicht gemeint 1”—Das ist wohl der immer und uberall wiederkehrende Klageruf der Idee, die sich verwirk-Iicht sieht. Aber die Triibung und Korruption der Idee durch das Menschlich-Wirkliche ist etwas anderes, als der verstiegene Hochmut des Geistes gegen die Realitat, um die im geringsten sich zu kummern er kiihn und schuldhaf t ver-schmahte. Wer zweifelt, dass Nietzsche sich im Grabe um-drehen wurde, wenn er dort unten erfuhre, was man aus seinem Macht-Philosophem gemacht hat? Lebte er—sein personliches Schicksal wurde der einfachen, geistig, natur-lichen Briefstelle entsprechen, die ich erwahnte; mit seiner Lehre hatte es nichts zu tun. Er, der als Emigrant lebte schon unterm Kaiserreich—wo ware er heute? Bei uns ware er, in Amerika und wurde vielleicht von amerikanischer Duldsamkeit ehrenhalber in den Phi Beta Kappa-Orden aufgenommen …

Ich scherze nicht,—obgleich natiirlich das hypothetische Heraufrufen eines Verewigten ins Gegenwartige immer’nur ein Gedankenscherz sein kann. Der wissentschaftliche Bund, uber dessen maurerisch-mysteriose Namensformel ich mir Gedanken mache, ist alt wie die Nation und ihre Freiheit, aber wenn dieser Name je aufhoren konnte, zeitgemass zu sein,—er ist es heute in erstaunlichem Grade. Uns alien hat die Zeit das Gewissen gescharft fiir die Verpflichtung des Gedankens auf das Leben, und Philosophic als Vart pour I’artj als beziehungslos unverantwortliches Spiel und Aben-teuer des Geistes, das mutet uns heute wie heillose Instinkt-losigkeit und wie ein lappischer Frevel an.

Unverkennbar ist heute der Geist im Begriff, in eine moralische Epoche einzutreten, eine Epoche neuer religioser und moralischer Scheidung und Erkenntnis von Gut und Bose. Das bedeutet eine gewisse Vereinfachung und Ver-jiingung des Geistes im Gegensatz zu allem miiden und skeptischen Raffinement,—es ist seine Art, sich zu “rebar-barisieren,” Wir sind des Bosen in so ausserst niedriger und abschreckender Gestalt gewahr geworden, dass wir uns auf eine schlichte und unironische Weise, wie sie noch vor kurzem nicht fiir “geistig” gegolten hatte, zum Guten entschlossen haben. Freiheit, Wahrheit, Recht, Menschlichkeit,—der Geist wagt es wieder—und es ist ein edleres Wagnis, als das ihrer Zersetzung und Verhohnung—diese Worte auszu-sprechen, er schamt sich ihrer nicht mehr, wie er es glaubte tun zu miissen, solange sie selbstverstandlich schienen. Da N’ sie in ausserster Gefahr sind, wird ihm bewusst, dass sie sein tagliches Brot, seine Lebensluft, sein Leben selbst sind, und er begreift, dass er fiir sie kampfen muss oder selbst untergehen.

Die Philosophic teilt das Schicksal der Demokratie. Sie ist gezwungen, militant zu sein, aus dem einf achen Motiv der Selbsterhaltung. In der Welt, die das Ergebnis ware von Hitlers Sieg, in dieser Gestapo-Welt allgemeiner Versklav-ung gabe es Philosophic iiberhaupt nicht mehr, so wenig, wie es Demokratie gabe. Es gabe auch keine Religion und keine Moral. Die Wenigsten machen sich, selbst heute noch, eine Vorstellung davon, welche moralische Katastrophe dieser Sieg fiir die Menschheit bedeuten wurde. Die Wenigsten machen sich ein Bild von der psychischen Zerstdrung, der sittlichen Wiistenei und Hoffnungslosigkeit, die sich ergabe, ware der Mensch gezwungen, den endgiiltigen Triumph des Bosen in der Welt, den Triumph von Luge und Gewalt, als vollendete Tatsache hinzunehmen. Das Gedachtnis lebt fort an den Eindruck, den ein blosses Natur-Ereignis, das grosse Erdbeben von Lissabon, im 18. Jahrhundert auf die Menschen machte. Diese Natur-Katastrophe kostete den Herr-gott viele Tausende von Glaubigen, denn begreiflicherweise sagten sich die Menschen, dass iiber einer Welt, in der etwas so Entsetzliches geschehen konnte, unmoglich ein allgiitiger und allweiser Gott walten konne. Ich wage zu behaupten, dass diese anti-religiose Wirkung des Erdbebens von Lissa-bon ein Kinderspiel ware im Vergleich mit der moralisch zer-storenden und verodenden Wirkung von Hitlers Endsieg.

Und also muss die Philosophic sich der Politik unter-ordnen, muss selber politisch werden?—Ich sage das nicht. Was ich sage, ist, dass das Problem der Humanitat eine Einheit bildet, deren verschiedene Spharen und Ausdrucks-formen nicht voneinander zu trehnen sind. Es war der ver-hangnisvolle Fehler der gebildeten deutschen Oberklasse, zwischen Geist und Leben, zwischen Philosophic und poli-tischer Wirklichkeit einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen und von der Hohe einer absoluten Kultur verach-tungsvoll auf die Sphare des Sozialen und Politischen herab-zublicken. Dies ist es, was dem biirgerlichen Geist in Deut-schland seine heutige Erniedrigung eingetragen hat.

Die Philosophic als Fiihrerin des Lebens, das heisst auch: Das Leben als Richtpunkt und Leitstern der Philosophic Die jungst noch modische Verherrlichung des “Lebens” auf Kosten des Geistes war eine Narrheit; und keine geringere ist der sterile und lieblose Selbstgenuss des Geistes auf Kosten des Lebens. Totalitare Politik ist eine schmutzige Teu-felei. Die wahre Totalitat, die wir ihr entgegenstellen, ist die des Menschen.

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